Skulptur mit Maske
Im Oktober ist die Veranstaltung mit Peter Shub wegen Corona leider ausgefallen. Wie geht es weiter für unsere Besucher und die Veranstalter? Ein Kommentar von Holm Diedrichs, Vorsitzender des Fördervereins Kulturbahnhof Cloppenburg e.V.
 

In Zeiten von Corona fühle ich mich gerade jetzt, im Herbst, an die erfolgreichste Serie unserer Zeit „Game of Thrones“ von George R. R. Martin erinnert. Es geht um sieben Königreiche, die miteinander wetteifern, sich bis aufs Messer bekämpfen und mit den übelsten Intrigen um die Vorherrschaft ringen. 

Die zentrale Familie im „Spiel der Throne“ sind die Starks, die als weise Herrscher die Nordregion regieren. Die Könige aus dem Geschlecht Stark sorgen seit Generationen dafür, dass die grausamen Wildlinge aus dem eisigen Norden nicht nach Süden vordringen können. Dafür werden sie von ihrem Volk respektiert und geliebt. Im warmen und wohlhabenden Süden herrschen die Lannisters, die ihre Dynastie durch unersättliche Gier und grenzenlose Amoralität zu Grunde richten.

Die wichtigsten und sympathischsten Charaktere sind seltsamerweise drei Ausgestoßene: Jon Schnee, unehelicher Sohn von König Stark, Tyrion Lannister, unterschätzter, verachteter Kleinwüchsiger und die schöne Danaerys Targaryen, eine ehemalige Königstochter im Exil. 

Dabei zieht vom hohen Norden, wo ewiger Winter herrscht, drohendes Unheil auf: „Der Winter naht!“ ist ein Warnruf, der darauf aufmerksam macht, dass der Sommer bald vorbei sein wird. Denn der Sage nach sollen die Winter zunehmend länger werden und demnächst vielleicht sogar alle Königreiche erfassen und das ganze Jahr lang andauern…

Jedenfalls wird es äußerst kalt und frostig! Weil der Winter tatsächlich nach Süden vorrückt, können auch die dort lebenden Wildlinge aus dem Eis nach Süden ziehen. Sie plündern jedes Dorf und verschonen keinen Menschen auf ihrem Vormarsch. Die Prophezeiung sagt, wenn „Der Winter naht!“ kommt das Ende der Zivilisation in den sieben Königreichen und damit das Ende des sonnigen Lebens…

Ob man diese Serie mag oder nicht, möchte ich gar nicht diskutieren. Es ist das spannende Narrativ einer zerrissenen, feudalen Welt und vom Kampf der edleren Fürstenfamilien, die nicht nur ihren Stand sichern, sondern auch das Gewebe von Zivilisation und Menschlichkeit reparieren und erhalten wollen.

Die Welt heute: Corona ist da…

Die Geschehnisse der letzten Monate zeigen gewisse Parallelen auf:  Durch die Corona Pandemie wird auch unsere Zivilisation zerrissen. Liebe und Menschlichkeit leiden mit „Social Distancing“, weil keine Umarmungen erlaubt sind. Das Gewebe aus Anteilnahme und des Miteinanders, das bisher auch die Kunst und Kultur sowie die gemeinsamen Begegnungen im Theater zusammengehalten hat, wirkt schon sehr mitgenommen. Das Gespinst hat Risse und Löcher bekommen, seit wir nicht mehr unbeschwert einen Auftritt erleben und Freunde treffen können, mit denen wir anschließend noch bei einem Glas Wein in der Kulturkneipe den Abend beschließen – ohne Umarmung, versteht sich…

Wir sind vielmehr gezwungen, mit ungewohnten Maßnahmen zu leben - Masken zu tragen, Abstand zu wahren, die Hände lange genug zu waschen - die zur Eindämmung der Pandemie nötig sind. Im Alltag lähmt jedoch die daraus resultierende Ungewissheit, während die Kontaktbeschränkungen uns Menschen voneinander entfernen. Wir können nicht einmal mehr für die Dauer eines Theater- oder Kinobesuchs dieser neuen, engen Lebenswelt entkommen. Damit wird uns die kurze Flucht in diese anderen, schöneren Welten verwehrt.

In der Isolation erfahren wir deutlicher und schmerzlicher denn je, dass Kunst und Kultur unverzichtbar sind, um die essentiellen Fragen unserer menschlichen Existenz zu beantworten. Ohne Kunst und Kultur werden bisherige Gewissheiten brüchig und wir erleben, dass unsere Grundrechte plötzlich eingeschränkt werden.

Auch wirtschaftlich sind Kunst und Kultur eine wichtige Branche. Doch in der Zeit des Lockdowns waren Kunst und Kultur nicht mehr existent. Was für das Frühjahr und den Sommer geplant war, musste komplett ausfallen – auch hier bei uns im Kulturbahnhof! Künstlerinnen und Künstler haben praktisch über Nacht alle Engagements verloren. Corona-Hilfen sichern für viele Betroffene gerade mal die Grundsicherung, ersetzen aber weder die Entlohnung noch die wichtigsten Belohnungen künstlerischer Leistung – Anerkennung durch Applaus und Kritiker.

Corona Theater…

Das Kulturforum Cloppenburg e.V. hatte mit dem Theaterforum bereits ein Programm für das erste Quartal und die Spielzeit ab Sommer aufgelegt. Auch die Jazz- und Bluesfreunde Cloppenburg e.V. sind mit attraktiven Bands schon im Sommer gestartet. Wegen Corona fanden die ersten Veranstaltungen jedoch nicht im Kulturbahnhof, sondern im Museumsdorf unter freiem Himmel statt. Das ermöglichte mehr Besucher als im Theatersaal und weniger Risiko, weil Abstand gewahrt wurde und viel frische Luft kostenfrei zum Programm gehörte.

Nun freuen wir uns über die letzten schönen Tage im goldenen Oktober, die abends aber schon ganz schön frisch werden. Wir kehren daher endlich zurück ins Theater.

Na, dann ist doch alles paletti, oder?

Weit gefehlt, weil wir die Folgen des Lockdowns noch lange nicht verarbeitet haben. Denn für die ehrenamtlichen Mitarbeiter am Kulturbahnhof hat Corona erheblichen Mehraufwand gebracht:

Alle ursprünglich geplanten Veranstaltungen im ersten Halbjahr mussten abgesagt, mit den Künstlern mussten neue Termine und Verträge vereinbart werden. Notmaßnahmen für die Veranstalter und die Mieter mussten umgesetzt werden. Trotz aller Unwägbarkeiten sollte auch das Programm für die zweite Jahreshälfte und den Winter 2020/2021 erstellt werden.

Immer neue Corona-Sicherheitsmaßnahmen der Niedersächsischen Landessregierung waren umzusetzen bzw. mussten ständig angepasst werden. Die Kontaktbeschränkungen und Hygieneregeln mussten speziell auf kulturelle Veranstaltungen und das Theater im Kulturbahnhof ausgerichtet werden.

Daraus haben Kulturforum und Förderverein Maßnahmen abgeleitet, die einen sicheren Besuch des Kulturbahnhofs gewährleisten. Alle Vorschriften und Regeln für Corona der Niedersächsischen Landesregierung werden entsprechend berücksichtigt. So haben wir u.a. an mehreren Stellen im Kulturbahnhof berührungslose Desinfektionsmittelspender zur Handreinigung installiert. Ein- und Ausgänge wurden am Boden gekennzeichnet und die Bestuhlung im Theatersaal wurde entsprechend reduziert, um den notwendigen Abstand unter den Besuchern zu wahren. Relevante Flächen werden regelmäßig desinfiziert und alle Räume werden häufig gelüftet.

Darüber hinaus wurde auch die Lüftungsanlage im Theatersaal optimiert. Dadurch wird alle 15 Minuten die gesamte Luft im Theatersaal gegen Frischluft von außen ausgetauscht. Das führt zu höheren Heizkosten, was im Interesse der Gesundheit des Publikums, der Künstler und der ehrenamtlichen Mitarbeiter jedoch völlig in Ordnung ist.

Alles ist inzwischen vorbereitet für die Rückkehr zu einem fast normalen Theaterspiel – nur dass eben statt der üblicherweise 167 Plätze jetzt nur 68 Plätze belegt werden dürfen. Es werden also weniger Karten verkauft, was leider zu einer stärkeren Unterfinanzierung führt, die das Kulturforum Cloppenburg e.V. gemeinsam mit der Stadt Cloppenburg schultern muss. Da in der ersten Jahreshälfte jedoch mehrere Veranstaltungen ausgefallen sind, haben wir aus dieser Zeit noch nicht verbrauchte Haushaltsmittel, die wir einsetzen können. Übrigens hätte das Kulturforum über die letzten 7 Monate sicher einen 5-stelligen Betrag als zusätzlichen Verlust zu beklagen, wenn der Betrieb des Kulturbahnhofs mit angestellten Mitarbeitern geführt würde. 

Tatsächlich wird der Kulturbahnhof – bis auf eine Reinigungskraft auf 450-Euro-Basis – aber nur von Ehrenamtlichen geführt und betrieben. Die bekommen keine Vergütung, sondern setzen seit der Eröffnung des Kulturbahnhofs im Juni 2015 ununterbrochen ihre Zeit, Wissen, Erfahrung und viel Energie für Kunst und Kultur in Cloppenburg ein.

Neben diesen Freiwilligen verdankt der Kulturbahnhof Cloppenburg auch den Mitgliedern des Fördervereins einen wichtigen Beitrag durch Spenden, aktive Mitarbeit und zupackende Unterstützung. Dank dieser Unterstützung können wir die Attraktivität des Kulturbahnhofs für die Veranstalter und das Publikum verbessern. Der digitale Schaukasten am Eingang, die neue Webseite mit Blog und Newsletter sind wichtige neue Beiträge, die mehr Service, Aufmerksamkeit und Bekanntheit schaffen.

Ein Winter mit Corona naht…

Man könnte sagen, der Kulturbahnhof Cloppenburg sei bisher mit einem blauen Auge in der Corona-Krise davongekommen. Aber den Spruch kennen Sie sicher auch: „Erstens kommt es anders und zweitens als man denkt!“

So auch diesmal, denn der Landkreis Cloppenburg hat in letzter Zeit traurige Berühmtheit erlangt: 

Seit Mitte September ist Cloppenburg bundesweit als Corona-Hotspot bekannt. Diese und andere bedrohliche Entwicklungen - wie nachlässiges Verhalten ohne Maske und Abstand -haben die Bundesregierung und die Länder veranlasst, für die Herbst- und Winterzeit die Regeln u.a. für öffentliche Veranstaltungen erneut zu verschärfen. Treten innerhalb von 7 Tagen mehr als 35 Neuinfektionen auf 100.000 Einwohner auf, wird die Teilnehmerzahl bei öffentlichen Veranstaltungen auf 50 Personen begrenzt. Werden mehr als 50 Neuinfektionen erreicht, dürfen nur noch 25. Personen teilnehmen. Nur zur Information: 

Cloppenburg hatte am 21.09. noch 86,7 Neuinfektionen, die am 01.10.2020 noch immer bei 43,4 lagen. Das bedeutet, dass wir statt zunächst 68 nur noch maximal 50 Besucher bei Aufführungen im Theater haben dürfen.

Das schreckt nicht nur die Menschen im Landkreis, die spürbar zurückhaltend sind, sondern auch die Menschen außerhalb unseres. Landkreises ab. Erste Cloppenburger, die jetzt gerade verreisen und auswärts übernachten wollten, wurden bereits aufgefordert, doch lieber nicht anzureisen, sondern zuhause zu bleiben. "Beherbergungsverbot" ist der neue Begriff, der künftig unser Verhalten lenken soll.

Für die Künstlerinnen und Künstler sowie für die Veranstalter im Kulturbahnhof gilt es unter diesen Umständen ihre Verantwortung gegenüber den Besuchern und Mitarbeitern zu leben. Das erfordert Mut zu unliebsamen Entscheidungen und zur Solidarität mit den Menschen in der Region.

Der Förderverein Kulturbahnhof Cloppenburg e.V. hatte für den 7. Oktober 2020 den jährlich stattfindenden Mitgliederabend – auch Fördererabend genannt – mit Peter Shub, einem der weltbesten Komödianten unter den Clowns und Komikern, geplant.

Mehr als 80 Mitglieder und Gäste hatten sich angemeldet, um endlich mal wieder einen stimmungs- und humorvollen Abend zu erleben. Alles war erledigt: Die Einladungen waren frühzeitig an die Mitglieder gegangen, Reservierungen waren bestätigt, die Presse informiert, die Webseite mit dem Interview mit Peter Shub war seit Anfang September online. Organisatorisch war das Hygienekonzept umgesetzt und die freundlichen Mitarbeiterinnen der Kulturkneipe hatten sich auf den Getränke-Service im Saal vorbereitet.

Am 1. Oktober sprach ich nochmal mit der Agentur von Peter Shub, um die aktuelle Corona-Problematik in Cloppenburg zu besprechen. Unsere Schlussfolgerung: Das Risiko, mit dieser Veranstaltung die Infektionen noch mehr anzufeuern, ist derzeit zu groß!

Auch die anschließenden Beratungen im Vorstand des Fördervereins und mit der Vorsitzenden des Kulturforums Cloppenburg e.V., Mechthild Antons, endeten mit einem klaren Votum gegen die Durchführung der Veranstaltung. Daher erhielten alle Mitglieder des Fördervereins am 1. Oktober 2020 eine E-Mail mit der bedauerlichen Absage.

Mit Corona durch den Winter…

Wenn die Infektionsgefahr wieder auf einem Niveau ist wie vor dem Ausbruch im September, sind Veranstaltungen unter Beachtung aller Vorsichtsmaßnahmen wieder möglich. Bis dahin muss – auch wenn´s schmerzt – unsere Solidarität für die Sicherheit und Gesundheit unserer Mitmenschen Vorrang haben.

Inzwischen werden der Förderverein und das Kulturforum auch neue Formen für das Erleben von Kunst und Kultur erkunden. Erste bescheidene Erfahrungen mit einem Livestream und Video-Aufzeichnungen haben wir im Mai 2020 erworben. Vielleicht können wir das weiter entwickeln?

Dafür interessieren sich erfreulicherweise auch schon  einige Veranstalter im Kulturbahnhof, so dass wir diesen Weg gemeinsam gehen werden. 

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