Die Stille im Kulturbahnhof und in der Kulturkneipe ist traurig und erdrückend. Nach 5 Jahren lebendigem Kulturbetrieb leidet das kulturelle Leben nun seit mehr als 12 Wochen unter der Corona-Pandemie. Ein Anlass für Holm Diedrichs, Vorsitzender vom Förderverein Kulturbahnhof Cloppenburg, zurück zu den Anfängen des Kulturbahnhofs zu gehen und nachzufragen: Wie hat eigentlich alles angefangen?

Mit der Entstehungsgeschichte des Kulturbahnhofs Cloppenburg ist kaum jemand stärker verbunden als Dr. Klaus Weber. Vor seiner Karriere als Gründer dieser „Kultstätte“ war er als Rechtsanwalt/Notar in einer größeren Kanzlei vor allem als Arbeitsrechtler tätig. Als gebürtiger Berliner wurde er zum Ur-Cloppenburger, woher auch seine Familie stammte. Bereits während seiner Berufstätigkeit war er in verschiedenen Vereinen engagiert. Allein 11 Jahre lang war er Vorsitzender des Cloppenburger Turnvereins TVC. Nach seinem 70. Geburtstag gab er seine Berufstätigkeit auf und übernahm den Vorsitz des Kulturforums Cloppenburg.

Ich kenne Herrn Dr. Klaus Weber seit vielen Jahren aus gemeinsamen Aktivitäten und habe bei ihm zuhause nachgefragt:

Wie ist die Idee und das Konzept für den Kulturbahnhof Cloppenburg entstanden?

Der unter Denkmalschutz stehende Bahnhof Cloppenburg, der 1875 erbaut wurde, war im Jahr 2012 in einem äußerst schlechten baulichen Zustand. Die Deutsche Bahn nutze ihn nur mit einer Schalterhalle, der Rest verwahrloste. Herr Bösterling, damals im Vorstand des Kulturforums, wies auf diesen Zustand hin. In Cloppenburg gibt es nur wenige Baudenkmäler. Wir konnten uns das Eingangstor zu Cloppenburg, wie es der Bahnhof ist, nicht gut als Bauruine vorstellen. Gleichzeitig bot sich durch eine Renovierung die Möglichkeit, neue Räumlichkeiten für kulturelle Erlebnisse zu schaffen und die 40 Cloppenburger Kulturvereine besser zu vernetzen.

Welchen Auftrag hat der Kulturbahnhof und was ist das Besondere?

Der Erhalt des historischen Baudenkmals Bahnhof Cloppenburg war sicher ein wichtiges Ziel neben dem Ziel der Weiterentwicklung des kulturellen Profils unserer Stadt.

Seit Jahren fehlten geeignete Räumlichkeiten für kulturelle Angebote, ganz besonders dringend ein professioneller Bühnenraum für Musik- Theaterveranstaltungen für ein Publikum von 100-200 Personen. Für die zahlreichen Cloppenburger Gruppen und Vereine, die selbst als Veranstalter tätig sind, wurden dringend Räumlichkeiten benötigt. Weiterhin fehlte ein repräsentativer Raum für Ausstellungen von bildender Kunst. Um nahmhafte Künstler und Künstlerinnen im ländlichen Raum gewinnen zu können, ist ein musealer oder origineller Ausstellungsort eine entscheidende Voraussetzung, die durch die Umwidmung der alten Lagerhalle geschaffen werden sollte.

Eine Besonderheit liegt im Betrieb des Kulturbahnhofs: Niedrige Kosten durch ehrenamtliches Engagement in variablen Räumlichkeiten für Theater, Musik und Ausstellungen in einem auf Kleinkunst ausgerichteten Rahmen einschließlich einer Kulturkneipe mit eigener Bühne.

Welche Schwierigkeiten mussten überwunden werden, um das Projekt zu starten?

Zunächst war der Stadtrat von Cloppenburg nicht überzeugt, dass es neben der Stadthalle noch eine weitere kulturelle Bühne geben sollte. Auch ein Teil der Bürgerschaft fand, dass das Projekt zu elitär und daher nur den privilegierteren Teil der Gesellschaft ansprechen würde. Außerdem zweifelte man, dass es möglich sein würde, die Kosten von 2,2 Mio. Euro finanzieren zu können. Probleme gab es auch, weil ein Nachbar Lärmbelästigungen befürchtete. Inzwischen findet der Kulturbahnhof bei fast allen Bürgern aber großen Anklang. Viele Menschen sind auf mich zugegangen und haben eingeräumt, dass sie sich geirrt haben.

Wie wurde die Finanzierung dieses ambitiösen Projekts gesichert?

Aufgrund der Widerstände im Stadtrat wurden die ersten Finanzmittel erst in geheimer Abstimmung bewilligt. Die Entscheidung für den Kulturbahnhof bedeutete immerhin eine Beteiligung der Stadt von insgesamt 1,5 Mio. Euro. Dazu mussten noch weitere 1,2 Mio. Euro finanziert werden, die über den Förderverein u. a. von regionalen Banken, großzügigen Privat-Spendern sowie vom Land Niedersachen und aus EU-Mitteln aufgebracht wurden.

Anfang Juni 2015 war es dann endlich soweit – der Kulturbahnhof Cloppenburg wurde feierlich eröffnet!

Welche Organisation, welche Menschen stehen hinter dem Kulturbahnhof?

Wir haben in Cloppenburg zunächst das Kulturforum, das Eigentümer des Kulturbahnhofs ist. In Cloppenburg hat die Stadt die Kulturarbeit dem Kulturforum als Dachverband der Kultur schaffenden Vereine übertragen.

Nach Fertigstellung des Kulturbahnhofs habe ich den Vorsitz abgegeben. Seither bin ich nur noch Sprecher des Theaterforums, das die Kleinkunst- und Theatervorstellungen im Bahnhof organisiert. Zur neuen Vorstandsvorsitzenden wurde Frau Mechthild Antons gewählt, damit obliegt ihr auch die Organisation des Kulturbahnhofs. Mit Sicherheit ein Fulltimejob, den sie mit viel Herzblut rein ehrenamtlich ausfüllt. Viel Unterstützung kommt vom Förderverein Kulturbahnhof Cloppenburg e.V., der den Betrieb und größere Anschaffungen durch Mitgliedsbeiträge und Einnahmen aus Aktionen wie auf dem alljährlichen Stadtfest mitfinanziert. Auch hier wird rein ehrenamtlich mit viel Herzblut gearbeitet. So hat z. B. der Vorsitzende Holm Diedrichs ein professionelles Marketing-Konzept entwickelt.

Es ist in Niedersachsen wohl einmalig, dass der gesamte Betrieb und die Unterhaltung des Kulturbahnhofs mit rund 120 Veranstaltungen pro Jahr praktisch nur mit ehrenamtlichen Helfern durchgeführt wird. Dadurch sind wir in der Lage, Theater-, Kabarett-, Musik- und Lesungs-Veranstaltungen zu wirklich niedrigsten Kosten anbieten zu können.

Wie wird der Kulturbahnhof heute genutzt, welche Gruppen nutzen ihn?

Wie gesagt, nutzen z. B. mehr als 40 kulturtreibende Vereine, Schulen und andere Gruppen die Räumlichkeiten für Proben und eigene Veranstaltungen. Darüber hinaus stellen insbesondere die Jazz- und Bluesfreunde und das Theaterforum ein umfangreiches Kulturprogramm mit namhaften Künstler/innen aus ihrem Bereich zusammen. Die rund 10.000 Besucher im Jahr kommen aus allen Bereichen unserer Gesellschaft und aus allen Altersgruppen. Wir kommen unserem Ziel der „Kultur für alle“ schon recht nah.

Was bedeutet die Corona-Krise für den Betrieb, das Personal und die Besucher?

Corona war eine Zäsur, ein starker Einschnitt für das ganze Leben in Deutschland. Die Kultur, die Künstler und Veranstalter haben ganz besonders gelitten, weil ihnen auch über den Lockdown hinaus noch keine Veranstaltungen erlaubt wurden. Leider musste auch eine geplante größere 5-Jahresfeier ausfallen, die im nächsten Jahr nachgeholt werden soll.

Wir haben die Zeit genutzt und nicht nur die Veranstaltungen für Herbst und Winter 2020/2021 geplant, sondern haben auch – Dank der Unterstützung durch den Förderverein - in eine neue Webseite für den Kulturbahnhof investiert, die ab sofort über die neuen Veranstaltungen informiert.

Inzwischen ist die Kulturkneipe wieder geöffnet, jedoch ist das ohne Veranstaltungen kaum wirtschaftlich. Daher warten wir gespannt, ob wir das Programm, das wir für die im September startende Theater- und Musiksaison vorbereitet haben, dann auch tatsächlich auf die Bühne bringen dürfen. Wir werden wahrscheinlich mit begrenzten Besucherzahlen beginnen, d. h., wer dann die hervorragenden Künstlerinnen und Künstler live erleben möchte, sollte frühzeitig Tickets kaufen!

Abschließend möchte ich bemerken, dass sich fast alle unsere Vorstellungen und Wünsche verwirklicht haben. Zwar sind wir für die Kulturveranstaltungen auf Zuschüsse der Stadt angewiesen. Die Unterhaltung des Bahnhofs selbst ist aber gesichert.

Cloppenburg ist um eine Attraktion reicher. Dazu hat maßgebend auch die Gestaltung durch den Architekten Wieghaus beigetragen.

Dazu hat natürlich auch im großen Maße die Stadt Cloppenburg beigetragen, die vielen Sponsoren, aber vor allem auch die vielen Mitglieder der verschiedenen Vereine, die dafür sorgen, dass das Projekt reibungslos weiterläuft.

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