Wenn plötzlich etwas nicht mehr möglich, nicht mehr da ist, fällt auf, wie sehr man es vermisst. Genau das hat die Kultur getroffen, die aus der Öffentlichkeit wegen des Corona Virus verschwunden ist. Kulturreinrichtungen sind seit Wochen geschlossen.

Ein Anlass für Holm Diedrichs, Vorsitzender vom Förderverein Kulturbahnhof Cloppenburg e.V., nachzufragen: Was macht das mit den Künstlern? Wird im Homeoffice Neues geschaffen? Was fehlt, wenn die Theater geschlossen sind?

Eine Interview-Serie für alle, die gern hinter die Kulissen von Kunst und Kultur schauen.

Lucy van Kuhl hat vor ihrer Karriere als Liedermacherin und Kabarettistin unter ihrem bürgerlichen Namen Corinna Fuhrmann Germanistik und Klavier studiert. Inzwischen ist die gebürtige Kölnerin eine Vollblutentertainerin, die mit ihren selbst komponierten Titeln den Alltag mit Scharfsinn und trockenem Humor kommentiert. Seit 2018 ist sie bei Konstantin Wecker unter Vertrag: Unter seinem Platten-Label „Sturm und Klang“ erschien ihre CD „Dazwischen“. Ich habe Lucy van Kuhl alias Corinna Fuhrmann in der Corona Krise telefonisch in der Provence angetroffen, wo sie wohnt, wenn sie nicht auf Tour ist.

Mal ganz einfach gefragt: Wie geht´s?

Gesundheitlich gut, aber ansonsten: naja. Alle meine Auftritte wurden abgesagt (wie die aller Künstler zurzeit), und man weiß ja leider auch nicht, wann und wie es weitergeht.

Was macht eine umtriebige Künstlerin wie Sie, wenn Sie jetzt gezwungenermaßen keine Auftritte haben? Was tun Sie im Moment künstlerisch?

Die ersten Wochen war ich total unkreativ, ich fühlte mich wie in einer unwirklichen Blase, wachte morgens auf und dachte, ich hätte ein Albtraum gehabt. Leider ist dieser Albtraum die Realität. Vor einer Woche erst ist mir die Idee zu einem Lied gekommen, das jetzt fertig ist. Mal sehen, ob der Kreativschub noch ein wenig anhält.

Arbeiten Sie in dieser Zeit an einem neuen Bühnenprogramm oder als Liedermacherin?

Ich hatte eigentlich vor, genau in diesen Tagen eine neue CD mit einer zweiköpfigen Band im Studio in München aufzunehmen. Leider mussten wir das in den Herbst verschieben, wir sind alle zu verstreut in verschiedenen Ländern. Parallel zur CD kommt ein neues Programm raus, dessen Premiere (hoffentlich) am 7.11. in Köln sein wird.

Haben Sie aktuell auch digitale Aktivitäten für Ihr Publikum?

Nein, bislang nicht. Und ich stehe auch nicht so sehr drauf. Ich möchte lieber wieder auf Bühnen spielen, mit echtem Publikum und gutem Klang.

Was können wir als Besucher für die Kultur tun? Kennen Sie Aktivitäten für Künstler oder für bestimmte Bühnen?

Ich fände es toll, wenn Sie die Karten nicht zurückgäben für Veranstaltungen, die jetzt abgesagt oder verschoben wurden. Und vielleicht kann die/der ein oder andere auch etwas spenden. Es besteht leider die Gefahr, dass Bühnen es über diese Krise nicht hinweg schaffen. Unser kulturelles Leben wird sehr starke Einbußen erleben. Dass die Bühnen am Leben bleiben, hilft uns Künstlern, unseren Beruf in  Zukunft weiter auszuüben und davon leben zu können.

Was beobachten Sie gerade in der Corona-Situation und im Verhalten der Gesellschaft? Welche Unterschiede sehen Sie zwischen Deutschland und Frankreich?

Frankreich und Deutschland gehen ja sehr unterschiedlich mit der Krise um. Meine Berliner Freunde empfinden es dort als recht entspannt. Hier in Frankreich herrscht seit fast zwei Monaten eine strenge Ausgangssperre. Ich darf mich nur im Umkreis von 1 Kilometer bewegen, nicht mehr als eine Stunde am Tag. Ich kann nur über die Stimmung in der Provence reden, was vielleicht nicht sehr repräsentativ für ganz Frankreich ist. Hier verhalten sich die Leute vorsichtig und sie gehen freundlich miteinander um. Dennoch nimmt man langsam einen Überdruss wahr, zumal die Küste komplett gesperrt ist, und das noch mindestens bis Anfang Juni. Da ist zurzeit nicht mehr viel übrig vom südfranzösischen Flair. Aber das sind natürlich Luxus-Probleme, wenn man bedenkt, dass die Infektions- und Todeszahlen in Frankreich extrem viel höher sind als in Deutschland.

Wie ist denn Ihre Vermutung wie es weiter gehen wird? Wird alles wie es war, oder erleben wir gerade einen neuen Wertewandel in der Gesellschaft?

Und ich befürchte, es wird nicht mehr so, wie es war, hoffe aber natürlich, dass die Wirtschaft wieder einen Sprung nach oben macht und die Kultur nicht allzu viel von ihrem Stellenwert einbüßt.

Gewisse Verhaltensweisen werden sich auch ändern. Allein das Händewaschen, Dinge nicht unbedacht zu berühren und einen gewissen Abstand zu anderen Menschen zu halten, wird sich sicherlich erstmal in Körper und Geist festsetzen.

Ich habe aber wirklich keine Ahnung, was passieren wird. Keiner weiß das. Mit dieser Krise hätte ja auch keiner gerechnet. Vielleicht passiert ja auch mal etwas unvorhersehbar Positives.

Künstler leben viel stärker mit Unsicherheit als Menschen, die z.B. als Angestellte eine regelmäßige Beschäftigung haben. Müssen die Menschen lernen, in Zukunft mit mehr Unsicherheit zu leben?

Ein gewisses Maß an Unsicherheit birgt der Künstlerberuf natürlich ohnehin. Das war schon immer so. Vermutlich jeder Mensch wägt ja irgendwann ab, was ihm wichtiger ist: Sicherheit oder Selbstentfaltung. Ist beides zusammen möglich, umso besser. Ansonsten muss man eine Entscheidung treffen. Ich glaube aber, dass Künstler in gewisser Weise flexibler sind als Menschen, die einen klar definierten, festen Job haben. Künstler müssen sich immer wieder auf neue Gegebenheiten einstellen. Und es kann ja auch etwas Produktives aus dieser neuen Situation entstehen. Das passiert ja teilweise auch schon, es entstehen neue Ideen, wie Car-Watch-Konzerte oder die Aufteilung von Orchestern in kleine Kammermusik-Ensembles. Natürlich hoffen wir aber alle auf die baldige Rückkehr des "normalen" Kulturbetriebs mit richtigen Bühnen und mitsingendem Publikum!

Wenn wir in eine Zukunft mit Corona schauen - wenn wir wieder zusammenkommen dürfen: Was werden Sie eventuell am meisten vermissen?

Ich würde Spontaneität am meisten vermissen, z.B. spontan irgendwohin zu fahren. Ich bin keine große Planerin und bewege mich gerne frei, vor allem auch zwischen meinen beiden Wohnsitzen Deutschland und Frankreich. Ich kenne quasi nur die Freiheit, die das Schengener Abkommen mit sich brachte, ich kenne ein Europa, in dem man sich frei bewegen kann. 

Außerdem möchte ich Menschen nah kommen, ihnen in Gesichter sehen, deren Mimik ich erkennen kann. Vielleicht müssen wir dann lernen, mit den Ohren, den Augen und der Stirn zu lachen. Wird schwierig, vermute ich… Ich hoffe, dass ein Impfstoff dazu führt, dass wir an die Vor-Corona-Zeit anknüpfen können und Spontaneität und Freiheit so selbstverständlich sein werden wie davor.

Wird man Ihren neuen Liedern anmerken, dass es in Corona Zeiten entstanden sind? Haben Sie das Thema schon verarbeitet?

Ich war etwas leer am Anfang und habe bislang erst ein Lied geschrieben, das sich mit der Zeit auseinandersetzt. Es geht um Alterseinsamkeit. Ich wollte nicht auf den Zug aufspringen und über Klopapier-Hamsterkäufe und Pasta Rezepte schreiben. Lieber über etwas, das einen auch in der Folgezeit noch bewegt. Ich glaube, diese Zeit wird den Menschen noch lange im Gedächtnis bleiben.

Wo finden Sie denn gerade Inspiration? Gibt es vielleicht einen Tipp dafür?

Das mit der Inspiration ist so eine Sache gerade. Ich kann ja nicht reisen und über die Deutsche Bahn lästern (haha). Ich versuche eher, mich in die Emotionalität verschiedener Menschen hineinzuversetzen. Daraus entspringen dann eher Ideen zu ruhigen Liedern. Richtig lustig bin ich gerade einfach nicht. Und die Situation mit Ironie zu betrachten, fällt mir auch schwer. Zum Glück sind die böse-ironischen und lustigen Lieder für mein neues Programm und die CD schon geschrieben. Also leider kein Tipp.

Was ist Ihr Lieblings-Buch, Ihr Lieblings-Film? Warum?

Ich lese sehr viel, deshalb fällt es mir schwer zu sagen: Das ist mein Lieblingsbuch. Zuletzt gelesen habe ich Guy de Maupassant, Wilhelm Genazino und Bodo Kirchhoff. Ich lese meist auch alles von einer Autorin oder einem Autoren, wenn ich begeistert bin. Vor Kurzem habe ich die österreichische Autorin Mareike Fallwickl entdeckt und ihre beiden Romane gelesen. Es gibt immer etwas ganz Bestimmtes, das mich packt und das natürlich auch mit meiner jeweiligen Lebenssituation zusammenhängt.

Filme schaue ich weniger, auch da gibt es nicht den einen Lieblingsfilm. Manche Filme habe ich zigfach gesehen, wie zum Beispiel Loriots "Pappa ante Portas" oder "Ödipussi". Diese Filme haben meinen Humor maßgeblich beeinflusst.

Sie sagen über sich selbst, dass Sie gerne kochen und essen; gibt es ein Lieblings-Rezept, das Sie vielleicht mit Ihrem Publikum teilen würden?

Haha, ja, ich koche sehr gerne. Und ich kann nur raten: improvisieren Sie und versuchen Sie sich vorzustellen, was zusammenpassen könnte. In der Küche arbeite ich fast genauso wie beim Song-Schreiben: eine Idee, Zutaten sammeln, ein kreativer Ansatz, ein wenig Routine, viel Improvisation - und vor allem steckt viel Liebe drin! So schreiben Sie Ihren eigenen kulinarischen Song!

Vielen herzlichen Dank, liebe Lucy van Kuhl, für Ihre Antworten!

In einigen Monaten – vor Ihrem Auftritt in Cloppenburg - würde ich gerne ein weiteres Gespräch mit Ihnen führen – quasi Lucy van Kuhl revisited. Wären Sie dazu bereit?

Sehr gerne!

 

Cloppenburg und La Cadière d'Azur in der Provence im Mai 2020

P.S.: Für alle, die mehr über Lucy van Kuhl erfahren wollen, hier einige interessante Links!

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